DIE NOT DER KLEINEN NERVENSÄGEN Sven RohdeADHS-Kinder können die Reize, die auf sie
einprasseln, nicht ordnen. Sie bekommen nichts auf die Reihe, sie hibbeln und nerven, sie werden zu Außenseitern. Ein Horrortrip für die ganze Familie, den oft erst Ritalin beendet.
Sofia* war elf,
als sie beschloss zu sterben. Sie stopfte sich eine Hand voll Tabletten in den Mund. Gott sei Dank kamen die Eltern im richtigen Moment dazu. Und Gott sei Dank wusste das Kind damals noch nicht, dass selbst
zwei Packungen Aspirin nicht tödlich wirken.
Sofia wollte dieses Leben nicht mehr, das sie als lange Kette von Misserfolgen empfand. Mit neun Monaten konnte sie schon Zwei-Wort-Sätze sprechen, aber
im ganzen ersten Schuljahr lernte sie weder lesen noch schreiben. Jahrelang hatten ihr die Lehrer vorgehalten, sie sei doch intelligent, warum also lerne sie nicht richtig? Freundinnen hielten es nie lange
mit ihr aus, und sie musste ihnen immer etwas bieten, damit sie trotzdem kamen, Haarschleifen etwa oder umsonst reiten auf dem Reiterhof von Sofias Großeltern.
Ihre Therapie-Karriere: Ergotherapie,
Voltigieren, Krankengymnastik, Verhaltenstherapie, alle möglichen Sportarten, die Sofias Sozialverhalten und die Selbstkontrolle schulen sollten. Nichts half. Dann, mit elf, die eine Demütigung zu viel: Als
"behindert" hatte ein Lehrer Sofia während ihrer Abwesenheit vor der Klasse bezeichnet. Als Schulkameradinnen daraufhin bei ihr zu Hause anriefen, um nach der Behinderung zu fragen, griff das
Mädchen zu Tabletten.
SOFIA IST NICHT BEHINDERT. Sie leidet unter der Aufmerksamkeitsdefizitstörung, früher ADS, nach moderner Definition mit dem Zusatz-H für Hyperaktivität ADHS genannt, einer
Stoffwechselstörung im Gehirn. Die Krankheit geht mit einer stark ausgeprägten Rastlosigkeit einher, man nennt sie deshalb auch Zappelphilipp-Syndrom. Auch Sofia galt immer schon als "die Wilde".
"Wir ADSler bekommen ja meistens Ärger." Ein kleiner Satz, aber so viel Resignation. Er stammt von Felix Dietz, einem heute 17-jährigen Jungen, der ein Buch über sein ADHS geschrieben hat:
"Wenn ich doch nur aufmerksam sein könnte!" Bei Felix, dessen Hyperaktivität besonders stark ausgeprägt ist, ging der Ärger im Kindergarten los: "Ich baute viel Mist", erinnert er sich,
"meistens waren die Erzieherinnen ganz schön wütend auf mich. Dauernd hatte ich Bauecken-Verbot, und manchmal musste ich sogar vor der Tür stehen. Das war peinlich. Ich wollte doch so gerne genauso
ruhig wie die anderen Kinder sein, aber es gelang mir selten. Ich hätte viel lieber mit den anderen Kindern gespielt, anstatt dauernd nur diesen Ärger zu kriegen." Felix ging gerade sechs Wochen in die
Schule, als den Eltern der erste Verweis angedroht wurde. Und das, obwohl er Klassenbester war.
"Fast täglich riefen entnervte Lehrer bei mir an, schon bevor Felix nach Hause kam", erinnert
sich seine Mutter. Und natürlich ging der Ärger damit gleich weiter. "Es ist so schwer, sich seinem Kind liebevoll zuzuwenden, wenn einem vorher schon brühwarm serviert wurde, was es wieder alles
angestellt hat. Natürlich hat das unser Verhältnis noch weiter belastet."
Ein Leben am Abgrund. Kein Tag ohne Streit. Die Ehepartner hielten sich gegenseitig vor, am Verhalten von Felix schuld
zu sein - weil er (der Vater) zu viel arbeite, sie (die Mutter) keine angemessenen Grenzen ziehen könne. Und weil kein Babysitter ein zweites Mal kam, ging das Paar irgendwann abends auch nicht mehr ins Kino
oder einfach mal nett essen. Dagmar Dietz war verzweifelt. Jeder Lehrer, jeder Erziehungsberater erklärte ihr in Freudscher Tradition das Verhalten von Felix als Ergebnis ihres eigenen Versagens.
Dabei ist ADHS erblich bedingt, sagt die gängige Lehrmeinung. Vier Prozent aller Kinder, schätzen Wissenschaftler, werden mit der Anlage dazu geboren, unabhängig von Kontinent oder Kulturkreis. Geschwister
eines ADHS-kranken Kindes leiden bis zu siebenmal häufiger an der Störung als Brüder und Schwestern gesunder Kinder. Ist ein Elternteil betroffen, dann hat der Nachwuchs ein bis zu 50 Prozent erhöhtes
Risiko, ebenfalls ADHS zu entwickeln. Die Forschung geht zudem davon aus, dass die Krankheit nicht etwa eine Zivilisationserscheinung ist, sondern immer schon existierte. Allerdings, sagt die Wiesbadener
Kinderneurologin Elisabeth Aust-Claus, werde das Problem augenfälliger, je komplexer die Welt sei, in der sich das Kind bewege, je mehr Umweltreize es aus seiner Aufmerksamkeit herauszureißen drohten.
Aufmerksam zu sein ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Sie erfordert die Fähigkeit, wichtige Reize von unwichtigen zu trennen, die unwichtigen zu ignorieren, um sich dann voll und ganz auf die wichtigen
konzentrieren zu können. Dazu muss der Arbeitsspeicher im Gehirn richtig funktionieren. Er vergleicht die ersten Ergebnisse der Reizaufnahme mit dem Langzeitgedächtnis, um daraus die Basis für ein sinnvolles
und angemessenes Handeln zu entwickeln: Aus der Bitte des Vaters, jetzt die Legosteine beiseite zu packen und den Tisch zu decken, damit man rechtzeitig zum Ausflug aufbrechen könne, wird eine zielgerichtete
Aktion.
Nicht so bei ADHS-Kindern: Kaum haben sie einen Stapel Teller auf den Tisch gestellt, stürzen sie zurück zu den Legosteinen, entdecken auf dem Weg dorthin ein kaputtes Auto, das sie längst
hatten reparieren wollen, vertiefen sich darein und schrecken hoch, wenn der Ruf kommt: "Deckst du jetzt endlich den Tisch?" Wenn die Familie dann tatsächlich zu spät zum Ausflug aufbricht, fühlen
sie sich vollkommen zu Unrecht kritisiert. Und beim nächsten Mal dasselbe Theater. Und beim übernächsten Mal. ADHS-Kinder sind kaum in der Lage, aus Erfahrungen zu lernen und ihr Verhalten zu kontrollieren.
Ihr "reizoffenes Wahrnehmungssystem", wie Wissenschaftler das nennen, paart sich mit einem Hang zu hochschießender Erregung. Eine Falle, unter der nicht nur die Kinder leiden, sondern auch Eltern
und Geschwister. In ihrem "ADS-Buch" nennen die Kinderneurologin Elisabeth
Aust-Claus und die Psychologin Petra-Marina Hammer die wichtigsten Symptome:
- Die Aufmerksamkeit driftet ab, der Brennpunkt des Interesses wechselt schnell;
- die Kinder handeln, ohne nachzudenken, leben Gefühle sofort aus und können nicht abwarten;
- sie sind entweder extrem zappelig oder schauen Löcher in die Luft;
- sie vergessen schnell, vor allem alltägliche Dinge und alles, was nicht spannend ist; sie verlieren häufig ihre Sachen;
- sie haben wenig Überblick und können sich nicht gut organisieren;
- ADHS-Kinder sind besonders eigensinnig, wollen stets ihren Willen durchsetzen und diskutieren endlos selbst über
Kleinigkeiten;
- sie sind kaum in der Lage, selbstständig zu arbeiten: Ihnen mangelt es an Strategie, sie schieben Arbeiten auf die lange Bank;
- sie sind schnell gereizt, cholerisch oder
auch zu Tode betrübt. Allerdings vergessen sie schnell und sind dann wie ausgewechselt.
Ein gesundes Selbstwertgefühl können ADHS-Kinder nicht ausbilden, das Sozialverhalten ist meist katastrophal: Sie können sich kaum in eine Gruppe integrieren und bekommen daher schnell die
Rolle des Außenseiters zugeschrieben. Wenn man ihnen nicht hilft, kann es passieren, dass hochintelligente Kinder bis in die Sonderschule durchgereicht werden.
"Hast du manchmal das Gefühl, es
lohne sich nicht zu leben?", lautet eine Frage in einem Diagnose-Fragebogen, den Elisabeth Aust-Claus von ihren kleinen Patienten ausfüllen lässt. Ihre deprimierende Beobachtung: "Selbst viele
Sechs- und Siebenjährige kreuzen Ja an."
"Bleibt ihr Wahrnehmungsstil unerkannt und/oder unverstanden, erleben sie ihre Kindheit und Jugend oft als Abfolge von Versagenserlebnissen und
Schuldgefühlen", schreibt Cordula Neuhaus, Heilpädagogin und Verhaltenstherapeutin, in ihrem Buch "Das hyperaktive Kind und seine Probleme". "Kritik, moralisierende Vorwürfe, Kränkungen
und Beleidigungen, Disziplinierungen bis hin zur psychischen und physischen Misshandlung sind täglich erlebte Realität, die der Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls empfindlich im Wege steht und zu
bleibenden Persönlichkeitsstörungen führen kann. Die raue Schale, die sich die Kinder oft gezwungenermaßen zum Selbstschutz zulegen müssen, ist sehr dünn."
FELIX WAR ZWÖLF, als bei ihm ADHS
festgestellt wurde - für ihn und seine Eltern eine Erlösung. Endlich eine Erklärung, warum die zahllosen Erziehungs- und Therapieversuche gescheitert waren, endlich Entlastung von den Selbstzweifeln der
Eltern. Felix wurde ein Amphetamin-Saft verschrieben. Die Wirkung war verblüffend. "Mir ging es schlagartig besser", notiert Felix in seinem Buch. "Ich konnte plötzlich fast mühelos in der
Schule aufpassen. Die Lehrer waren fast alle begeistert von mir. Sie merkten, dass ich nicht nur der böse und unruhige Felix war, der ständig den Unterricht störte. Ich bekam plötzlich mit, was da im
Unterricht passierte, konnte den Lehrern zuhören und wurde nicht dauernd durch meine Mitschüler, aber auch meine eigenen Gedanken abgelenkt. Ich wurde von meinen Mitschülern plötzlich auf Geburtstagspartys
eingeladen, was sonst nur sehr selten oder nie passierte. Ich bekam sogar richtige Freunde, mit denen ich mich mittags mal treffen konnte."
Auch Sofia erinnert sich an das seltsame Gefühl, auf
einmal so ruhig zu sein. "Das mochte ich erst überhaupt nicht. Aber es war so toll, eine Seite in einem Buch zu lesen und hinterher noch zu wissen, was ich da gerade gelesen hatte." Sie hat ihre
Unruhe und die Impulsivität in den Griff bekommen. Ritalin nimmt Sofia nur noch, wenn sie für Prüfungen lernen muss. Sie hat die mittlere Reife absolviert und ihre Lehre als Ergotherapeutin gerade
abgeschlossen. Die nicht zu bändigende Energie, die sie früher planlos handeln ließ, hat jetzt ein Ziel: In der Abendschule will Sofia ihr Abitur nachholen und dann am liebsten Medizin studieren.
Berufswunsch: Kinderärztin.
*Name von der Redaktion geändert.
Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift Stern am 2.1.02. Wir danken Sven Rohde für die Genehmigung zur Veröffentlichung dieses Artikels. |