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Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom und Hyperaktivität
 Was ist das ?

Einen Überblick über die Thematik bietet der Bericht
      über ein Wochenende mit Cordula Neuhaus
von Christoph Dietz

Dieses Wochenende war schon lange in meinem Kalender markiert: Angekündigt war Frau Cordula Neuhaus, Diplom-Psychologin, Diplom-Heilpädagogin, Kinderpsychologin und seit langen Jahren erfolgreich in der Arbeit mit hyperaktiven Kindern, um mit Eltern und Lehrern über diese Kinder zu sprechen.

Das hervorragende Buch Das hyperaktive Kind und seine Probleme, das von Frau Neuhaus im Ravensburger Verlag erschienen ist, hatte ich schon vor längerer Zeit gelesen und war tief beeindruckt von der exakten Beschreibung des Krankheitsbildes und den überzeugenden Therapievorschlägen. Als Vater von hyperaktiven Kindern war ich beim Lesen oft versucht, jede Seite mit einem Haken zu versehen, so hoch war der Wiedererkennungswert. Um so gespannter war ich nun, Frau Neuhaus persönlich kennenzulernen.

Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Auf so anschauliche und lebendige Weise verstand es Frau Neuhaus zu berichten, daß ihre Zuhörer in jeder Sekunde mit voller Aufmerksamkeit bei der Sache waren. Die Veranstaltung hat mich inspiriert, einige Zeilen für diejenigen zu Papier zu bringen, die nicht teilnehmen konnten.

Von Heinrich Hoffmanns Zappelphilipp zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

Aufmerksamkeit - das ist das vorrangige Problem dieser Kinder. Oft werden in diesem Zusammenhang Figuren aus dem ‘Struwwelpeter’ von Dr. Heinrich Hoffmann genannt. Literarisches Vorbild für ein aufmerksamkeitsgestörtes Kind wäre danach etwa der stets verträumte und der Realität entrückte Hans-Guck-in-die-Luft.

Die umgangssprachlich oft namensgebende Hyperaktivität, die gesteigerte motorische Unruhe gehört nicht in jedem Falle zum Krankheitsbild. Doch gibt es sie natürlich auch und sie fallen schneller ins Auge: Jene Kinder, bei denen zum Aufmerkamkeitsproblem noch die Hyperaktivität hinzukommt, anschaulich etwa verkörpert durch Heinrich Hoffmanns Zappel-Philipp oder gar den wilden Friederich, der bekanntlich ein arger Wüterich war, womit die für das Krankheitsbild ebenfalls kennzeichnende Impulsivität und im Falle des Friederich darüberhinaus eine Störung des Sozialverhaltens angesprochen ist, die häufig als Folgeproblematik einer hyperaktiven Störung auftritt, speziell wenn sie lange unerkannt geblieben ist. Auch Paulinchen, die unbedacht impulsiv und trotz Verbots, ohne die Folgen ihres Handelns zu bedenken mit dem Feuer spielt, gehört in diese Kategorie.

Bemerkenswert ist, daß Hoffmann schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit scharfem Blick die Symptome beschrieb, ohne allerdings damals um die Krankheit zu wissen, von der hier die Rede sein soll. Einiges spricht aus heutiger Sicht dafür, daß der berühmte Frankfurter Nervenarzt selbst an einer Aufmerksamkeitsstörung litt und möglicherweise deshalb so ein sensibles Auge für sie hatte.

Die aktuell im deutschen Sprachraum verwendete Bezeichnung für das Krankheitsbild lautet ADHS, was Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung heißt und aus dem amerikanischen Attention Deficit / Hyperactivity Disorder (ADHD) übersetzt wurde. Die Bezeichnung soll deutlich machen, daß es sich primär um eine Aufmerksamkeitsstörung handelt und die Hyperaktivität je nach Ausprägung hinzukommen kann oder nicht.

Frühere Bezeichnungen wie ADS, ADD, HKS, MCD, POS etc. werden dadurch abgelöst (sh. dazu den Artikel von Frau Dr. Johanna Krause in Was nun Ausgabe 1999)*.                                       *Zeitschrift des Bundesverbands
                                                                            Aufmerksamkeitsstörung/Hyperaktivität, Forchheim

ADHS - ein in seiner Häufigkeit unterschätztes Problem

In Deutschland ist die Zahl der diagnostizierten Kinder mit deutlich unter 5 % geringer als z.B. in den USA (über 10 %) oder Israel, wo fast 20 % erreicht werden. Ursache dafür ist die wenig verbreitete Kenntnis des Krankheitsbildes, z.B. bei Kinderärzten, Lehrern aber auch Psychologen, die - Sigmund Freud folgend - häufig auch bei ADHS-lern analytische Ansätze verfolgen und damit fast immer den Holzweg beschreiten.

Lange Leidenswege von Kindern und ihren Familien sind die Folge dessen. Anwesende Eltern wußten von abenteuerlichsten Hypothesen zu berichten, die sie von Beratern in Erziehungs- und Familienberatungsstätten zu hören bekommen hatten, bevor schließlich die zutreffende Diagnose ADHS gestellt wurde.

Besonders Kinder mit ADHS ohne Hyperaktivität werden selten diagnostiziert, weil sie weniger störend auffallen, als Kinder, die auch das Merkmal  der Hyperaktivität aufweisen. Sie bleiben häufig ausgeschlossen, werden Schulversager, entwickeln ein schlechtes Selbstvertrauen und neigen zu Depressionen. Mädchen sind von dieser Ausprägung häufiger betroffen als Jungen, während es insgesamt mehr Jungen mit ADHS gibt als Mädchen.

Woran erkennt man ADHS ?

Der Kasten ”Symptomatik der ADHS” (s.u.) verdeutlicht die typischen Eigenschaften. Die Entwicklungsgeschichte in verschiedenen Altersstufen sieht bei ADHS-lern ungefähr so aus:

Es beginnt oft schon im Baby- und Kleinkindalter. Unruhig sind sie manchmal bereits im Mutterleib, danach Schreikinder, Speikinder. Hohe Experimentier- und Erkundungsfreude bei geringem Gefahrenbewußtsein führen häufig zu Unfällen, die gottlob meist glimpflich ausgehen.

Im Kindergarten- und Vorschulalter wird erkennbar, daß sie schwer in Gruppen integrierbar sind, eine geringe Frustrationstoleranz macht z.B. Mensch- Ärgere-Dich-Nicht-Spielen oft unmöglich. Sie stehen gern im Mittelpunkt,  sind immer auf Achse und können nur schwer bei einer Sache bleiben: Jetzt Lego spielen, in der nächsten Minute Holzeisenbahn, danach zum Zeichenblock und dann wird die Bauklötzchen-Kiste ausgekippt .... . Entsprechend sieht das Kinderzimmer aus! Aufräumen können sie aber trotz gutem Willen nicht: Kaum haben Sie begonnen, kommt irgend etwas in ihre Hände, das sie ablenkt und das Zimmer sieht auch nach Stunden nicht besser aus.

Im Schulalter geraten sie oft in eine Außenseiterposition, sind Störenfried oder Klassenkaspar. Die Disziplin, die im Klassenzimmer nun von Ihnen verlangt wird, stellt für sie eine unlösbare Aufgabe dar. Gedanken, die ihnen durch den Kopf schießen, müssen sie sofort in die Klasse rufen und können
nicht warten, bis der Lehrer sie drannimmt, nachdem sie sich gemeldet haben. Ihr übersteigerter Gerechtigkeitssinn und ihre unberechenbare Impulsivität ist oft genug Anlaß oder Verstärker bei verbalen und manchmal auch handgreiflichen Auseinandersetzungen.

Sie können sich auch mit größter Anstrengung nur wenige Minuten auf den Unterrichtsstoff konzentrieren. Je nach Ausprägung des Krankheitsbildes verfallen sie danach in Tagträume, gucken Löcher in die Luft, kritzeln in ihrem Heft herum oder werden zappelig, kippeln mit ihrem Stuhl, laufen im Klassenzimmer herum oder necken Mitschüler.

Ihr ‘hüpfender’, oberflächlich abtastender Wahrnehmungsstil macht es ihnen schwer, Unterrichtsinhalte systematisch zu erfassen und sich zielorientiert auf eine Aufgabe zu konzentrieren.

Hausaufgaben sind ein Drama für diese Kinder. Es beginnt mit dem Schreiben, das ihnen schwer fällt. Verkrampft liegt der Füller in der Hand und wird mit hohem Druck über das Papier geführt. ”Hoffentlich mault Mutter nicht und ich muß alles noch mal schreiben, weil es nicht schön genug ist”, geht es ihm durch den Kopf. Stundenlang dauert das Ganze, denn es ist nicht möglich, konzentriert bei der Sache zu bleiben.

Trotz häufig überdurchschnittlicher Intelligenz, haben diese Kinder Probleme in der Schule. Nicht selten treten in Verbindung mit ADHS Teilleistungsschwächen auf wie Lese-Rechtschreib-Schwäche, Dyskalkulie, visuelle / auditive oder taktile Wahrnehmungsstörungen, welche die Kinder zusätzlich belasten.

Im Jugendalter läßt die motorische Unruhe meist nach. Stärker noch als andere Jugendliche sind sie ausgesprochen stimmungslabil: Von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt wechseln sie innerhalb kürzester Zeit. Häufig sind sie depressiv verstimmt, ohne daß es dafür erkennbare Gründe gibt. Ihre Ausdauer ist gering. Sie sind leicht beeinflußbar und stets auf der Suche nach Extremen. Sie müssen alles ausprobieren und neigen zu risikoreichem Verhalten. Oft werden sie viel zu früh Eltern. Suchtgefahren können sie schlecht widerstehen, wenngleich sie nicht zu harten Drogen neigen. Viele ‘ Hypies’, wie sie oft genannt werden, sind bei ungünstigem Verlauf aber in Gefahr alkoholabhängig zu werden.

Selbst im Erwachsenenalter sind manche Menschen noch immer erkennbar betroffen. Eine gestörte Selbstorganisation, impulsiver Handlungsstil, Selbstwertprobleme, nicht zuhören können, hohes Aktionsniveau, ”sensation seeking” (die Suche nach dem ”Kick”) und in ungünstigeren Fällen Suchtprobleme (vor allem Alkohol) und Kleinkriminalität können Ausprägungen im Erwachsenenalter sein. Frau Neuhaus wußte von Patienten zu berichten, die selbst jenseits der Fünfzig in bestimmten Situationen noch medikamentös behandelt werden müssen, z.B. im Arbeitsleben bei der Umstellung auf Computerverarbeitung oder um jeden Montag die langatmige Vorstandssitzung schadlos zu überstehen.

Symptomatik der
Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

Symptome

Ausprägungen

Aufmerksam-
keitsschwäche

  • Schwierigkeiten, etwas überhaupt zu beginnen
  • Mangelnde Daueraufmerksamkeitsspanne: Wegdriften,
        abgelenkt sein, nochmals lesen müssen, um zu verstehen
  • Wachheit kann bei ”uninteressanten” Vorgängen nicht
        erhalten werden, Tagträumerei, unvollständiges Arbeiten
  • Mangelnde Fähigkeit mit Stimmungsschwankungen beim
         Arbeiten umzugehen: kritikempfindlich, chronisch
         entmutigt, genervt
  • Mangelnde Kapazität des Arbeitsgedächtnisses:
        ”Was wollte ich gerade tun
    / habe ich gerade noch gedacht?
         - Ich weiß es, kann es aber nicht abrufen”
  • Ablenkbarkeit
  • Häufiges Auftreten von Lese-Rechtschreib-Schwäche oder
        anderen Teilleistungsschwächen
  • Impulsivität

  • Mangelnde Verhaltenskontrolle
  • Handelt und redet rasch, ohne nachzudenken
  • Niedrige Frustrationstoleranz
  • Kann nicht abwarten, wechselt rasch die Beschäftigung,
         kein planvolles Handeln (Folge: Lernstörungen trotz
         adäquater Intelligenz)
  • Hyperaktivität

    (verschwindet i.d.R. in der Pubertät)

  • ”Zappel-Philipp-Syndrom” (unruhig, zappelig, umtriebig)
  • Gesteigerter Bewegungsdrang
  • Grobmotorik und Sprache (viel und laut)
  • Enormer Kraftaufwand
  • Lokomotion: Kann nicht sitzenbleiben
  • Kann nicht im 90°-Winkel sitzen
  • Wichtige Kriterien für
    die Diagnose

  • Deutliche seelische Unreife i.S. einer seelischen
         Entwicklungsverzögerung bei körperlich und intellektuell
         altersgemäßer Entwicklung
  • Deutlich schlechter werdende Schrift bei schnellem
        Schreiben
  • Auffallendes ”psychisches Ermüden” bei subjektiv
         schwierig eingeschätzten Aufgaben
  • Extremer Gerechtigkeitssinn
  • Auffallende spontane Hilfsbereitschaft bei Erkennen der
         Hilfsbedürftigkeit eines anderen
  • Heftige Reaktionen bei plötzlichen Veränderungen und
         hektischen Situationen
  • Hypersensibilität
  • Unfähigkeit zur reellen Selbst- und Eigenleistungs-
         einschätzung. Kann nicht berichten
  • Erhebliche Beeinflußbarkeit
  • Diagnose

    Eltern, die vermuten, ihr Kind könnte ADHS haben, sollten sich an einen auf diesem Gebiet erfahrenen Arzt, Psychologen oder sozialpädiatrisches Zentrum wenden. Elternitiativen und Selbsthilfegruppen können hier Rat geben, z.B. der BV-AH (ehemals BVdE) mit seinen Regionalgruppen.

    Es ist ganz wichtig, jemanden zu finden, der sich mit der Thematik auskennt, weil leider festzustellen ist, daß es immer wieder Fälle gibt, in denen eine vorhandene ADHS aufgrund falscher diagnostischer Ansätze nicht erkannt wird. Häufig wird z.B. die 1:1 - Situation zwischen Arzt und Kind falsch interpretiert. In solchen direkten Zuordnungen können die Kinder durchaus konzentriert erscheinen, zumal wenn sie das Gespräch mit dem Arzt interessant finden. Eltern sollten sich hier auf ihre eigenen Beobachtungen verlassen und diese schildern. Berichte aus Kindergarten und Schule geben weitere Anhaltspunkte.

    Zur Erhebung der Diagnose wird die Schilderung der Vorgeschichte und des Verhaltens durch die Eltern und ggf. eine Stellungnahme der Schule ergänzt um umfangreiche testpsychologische Untersuchungen, bei denen es nicht nur auf die Testergebnisse im engeren Sinne, sondern auch auf die Beobachtung des Verhaltens während der Testung ankommt.

    ADHS - ohne Hilfe ein Teufelskreis

    Hypies sehen sich oft dem Vorwurf ausgesetzt ”Du könntest, wenn du nur wolltest !”, womit ihnen gleichzeitig schlechter Wille, bzw. mangelnde Motivation unterstellt wird - völlig zu Unrecht !  Das ist zum Beispiel der Fall, wenn Lehrer oder Eltern im Wissen um die offensichtliche Intelligenz des Kindes von diesem Leistungen erwarten, die es aufgrund seiner Konzentrationsmängel zumindest nicht dauerhaft erbringen kann. Das gleiche gilt bei Verhaltensproblemen. Die Kinder wollen schon, sie können aber tatsächlich nicht. Dies führt in einen Teufelskreis:

    Þ Das Kind verhält sich (ohne es anders zu können) nicht so, wie es soll.
    Þ Es erfährt daraufhin: Kritik, Ermahnung, Appelle, Rügen.
    Þ Es reagiert mit sofortiger impulsiver Abwehr: wütend, explosiv,
         beleidigt oder resignativ.
    Þ Seine Motivation sinkt, seine emotionale Erregung steigt.
    Þ Die Konsequenz ist (bezogen auf die zu erledigende Aufgabe)
         ein Mißerfolg.
    Þ Auf den Mißerfolg folgt: Strafe, Ausgrenzung, düstere Prognose,
         negatives Etikettieren, herbe verletzende Kritik.
    Þ Daraus entwickelt das Kind Vermeidungsstrategien, um derartige
         negative Zuwendung künftig zu vermeiden. Dazu gehören: Abstreiten,
         Lügen, Stehlen, Aggressivität.
    Þ Die Folge dieser Vermeidungsstrategien sind natürlich weitere
         Mißerfolge, woraufhin der Teufelskreis wieder von vorne beginnt.

    In der Konsequenz führt dieses Verhaltensmuster für das Kind zu einer ständigen Abwärtsspirale und für die Eltern-Kind-Beziehung zu einer dauernden Verschlechterung.

    Wenn Erfolgserlebnisse in den dafür in Frage kommenden Bereichen nicht zu erhalten sind, entsteht Ausweichverhalten, z.B. Hampeleien im Klassenzimmer, Aggressivität oder andere unerwünschte Sekundärprobleme.

    Auch die Eltern wissen sich keinen Rat mehr, denn Sie haben schon vieles versucht und müssen immer wieder erfahren, daß das Kind sich nicht so verhält wie es soll. Erschwerend kommt hinzu, daß sie häufigen Angriffen von außen ausgesetzt sind: Lehrer, Nachbarn, Eltern anderer Kinder usw. beklagen sich über das Verhalten des Kindes und führen dieses mehr oder weniger offen auf Erziehungsfehler der Eltern zurück, wodurch zusätzlicher Druck entsteht.

    Wege aus dem Chaos: Wie kann den Kindern geholfen werden ?

    Das Stellen der richtigen Diagnose und die Information über das Krankheitsbild schafft in der Regel für sich schon eine erste Entlastung der Eltern, denn nun ist klar: Hier geht es erstens nicht um Erziehungsfehler und zweitens kann etwas getan werden, um die Situation zu verbessern. Auch die Kinder profitieren davon spontan, denn die Spannung kann nun auch aus dem Eltern-Kind-Verhältnis weichen. Doch das ist nur das Startsignal. Maßnahmen müssen folgen.

    Ritalin: Eine Wunderdroge ?

    Nein, weder Wunder noch Droge, aber ein hochwirksames Medikament, das den meisten der ADHS-Kinder in wundervoller Weise helfen kann, ihre Aufmerksamkeit zu steigern und damit gleichzeitig weitere Probleme in den Griff zu bekommen. Schon Charles Bradley war im Jahre 1937 überaus verblüfft, als die Wirkung des Medikaments eher zufällig entdeckt wurde und schrieb in seinem Bericht: ”Die auffälligste Verhaltensänderung ... ist das dramatisch veränderte Lernverhalten...” (zitiert aus EICHELSEDER, W.: Unkonzentriert ?, Beltz-Verlag 1996, S. 121).

    Verbreitete Vorurteile, es handele sich um ein Beruhigungsmittel, das die Kinder ruhig stelle, sind völlig falsch. Es handelt sich im Gegenteil um ein Medikament, das der Gruppe der Stimulanzien zuzurechnen ist, also ein Aufputschmittel. Paradoxerweise hat dieses Mittel bei ADHS-lern die Eigenschaft, deren Konzentrationsvermögen zu steigern und die motorische Unruhe zu dämpfen. Zur Verdeutlichung möchte ich an dieser Stelle noch einmal Eichelseder zitieren: ”Wenn nun festgestellt wird, daß HKS-Kinder ruhiger, besonnener, umsichtiger, entspannter, genauer aufmerksamer und zufriedener werden, so ist das keine ‘Dämpfung’ ... sondern eine ganz spezifische Verhaltensänderung, die gar nichts mit Herabminderung von Aktivität oder Denkfähigkeit, mit Absenkung irgendwelcher seelischer oder geistiger Vorgänge zu tun hat. Es tritt keine Beruhigung im oberflächlichen Sinn ein, sondern eine ‘Ermächtigung’ des Kindes, Kontrolle über sich auszuüben. Es kann plötzlich das tun, was es immer schon wollte, aber nie zustande gebracht hatte” (S. 119).

    ADHS - eine Art Stoffwechselstörung / Über die Wirkungsweise des Medikaments

    Beim ADHS handelt es sich biologisch gesehen um eine Art Stoffwechselstörung, bei der die Reizübertragung im Frontalhirnbereich beeinträchtigt ist. Für die Reizweiterleitung zwischen zwei Nervenenden werden sogenannte Neurotransmitterstoffe (z.B. Dopamin und Noradrenalin) benötigt, die als körpereigene Stoffe generiert werden. Bei ADHS-lern ist die Versorgung mit Neurotransmittern nicht im Gleichgewicht. Dadurch kommt es zu Konzentrationsmängeln und die Selbststeuerung wird beeinträchtigt.

    Das Medikament setzt an dieser Stelle an, d.h. der Neurotransmitterhaushalt wird reguliert, Konzentrationsvermögen und die Fähigkeit zur Selbststeuerung werden verbessert.

    Wenngleich die biologischen Vorgänge recht komplex und bis heute nicht in allen Einzelheiten erforscht sind, dient zur Veranschaulichung vielleicht das Beispiel eines an Diabetes erkrankten Menschen, bei dem man die fehlende Insulin-Ausschüttung des Körpers durch medikamentöse Ergänzung ersetzt.

    Warum ist mein Kind ein ‘Hypie’ ? - Zur Entstehung von ADHS

    Zur Entstehung von ADHS gibt es bis heute keine eindeutigen Erklärungen. Allein die Komponente Vererbung ist z.B. durch Zwillingsstudien zweifelsfrei belegt. Weitere Ursachen könnten Probleme bei der Geburt oder zurückliegende Erkrankungen sein.

    Früher häufig verbreitete Ansätze, ADHS über Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten (z.B. Phosphate) zu erklären, sind heute mehr oder weniger bedeutungslos, wenngleich in der Praxis noch immer häufig verfolgt. Der Anteil von Kindern, bei denen solche Ursachen bestimmend sein können, ist vernachlässigbar klein. Hinzu kommt, daß ADHS-ler meist ausgesprochene ‘Genußmenschen’ sind und das Einfordern von Diäten ihren ohnehin schwierigen Alltag zusätzlich komplizieren und die Eltern-Kind-Beziehung belasten würde.

    Zu Risiken und Nebenwirkungen ...

    Hier konnte uns Frau Neuhaus beruhigen. Ritalin ist ein Medikament, das durch umfangreiche Untersuchungen und auch Langzeitstudien bestens erforscht ist. Es treten keinerlei Abhängigkeiten oder Gewöhnungseffekte auf. Auch kommt es nicht zu Spätfolgen, wie von unseriöser Seite wider besseres Wissen gelegentlich behauptet wird. Gerechnet werden muß dagegen mit Appetitlosigkeit und gelegentlich mit Schlafstörungen. Bei gut angepaßter Dosierung verschwinden aber auch diese Begleiterscheinungen i.d.R. relativ bald.

    Umfangreicher sind die Risiken, wenn das Medikament bei vorliegender Diagnose nicht verabreicht wird. Langzeitstudien beweisen, daß Lebensläufe von Patienten, die nicht mit Stimulanzien behandelt wurden, sehr viel ungünstiger verlaufen, als von solchen, die medikamentös behandelt wurden. Besonders die Suchtaffinität ist ohne Medikament deutlich erhöht, negative Verläufe sind nicht unwahrscheinlich. Bedenkt man die positiven Wirkungen des Medikaments, ist es also eigentlich nicht zu verantworten, es dem Kind vorzuenthalten, ebensowenig wie man einem an Diabetes erkrankten Menschen sein Insulin vorenthalten würde.

    Therapie für das Kind

    Leider gibt es in Deutschland nur wenige TherapeutInnen, die sich mit der ADHS-Problematik auskennen und eine adäquate Therapie anbieten können.

    Nondirektive Spieltherapien und analytische Verfahren greifen zu kurz und bringen nicht den gewünschten Erfolg, ebensowenig wie die klassische systemische Familientherapie.

    Zielführend sind dagegen verhaltenstherapeutische Konzepte, die hinsteuern auf die

    Þ Verlängerung der Daueraufmerksamkeitsspanne;
    Þ Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit;
    Þ Systematisierung des Wahrnehmungsstils.

    Therapieziel ist es für das Kind, kompetent zu werden im Umgang mit seinem Wahrnehmungsstil.

    Ergänzend können u. U. auch eine gezielte Wahrnehmungsförderung, das Einüben der Grobmotorik, psychomotorische oder ergotherapeutische Übungen sinnvoll sein.

    Vielfach propagierte Verfahren wie die Edu-Kinesiologie oder die Bach- Blüten-Therapie haben sich allerdings nicht als geeignet erwiesen.

    Von Balou dem Bär und Inspektor Columbo - Wie können Eltern ihrem Kind helfen ?

    Die Krankheit ist nicht im engeren Sinne heilbar, aber Kinder und Eltern können lernen, damit umzugehen . Es kommt dabei auch auf das Verhalten der Eltern an, die ihrem Kind ein guter Trainer sein können. Manche Therapeuten, bieten dazu ein spezielles Elterntraining an. Frau Neuhaus gab einige Tips für Verhaltensweisen, die förderlich sind.

    In der Ruhe liegt die Kraft: Das Balou-Gefühl sollten sich Eltern immer dann zu eigen machen, wenn das Erregungsniveau steigt, wenn sie kurz davor sind, ‘auf die Palme zu gehen’. Dann ist vor allem Ruhe die erste Elternpflicht, wie Balou der Bär sollen sie dann versuchen Bodenhaftung zu bewahren, ganz tief in den Bauch atmen und mit dem Rücken an die Palme gelehnt, brav auf dem Boden sitzen bleiben und sich entspannen. Praktisch bedeutet das, Emotionen ‘runterzufahren, mit abgestelltem Affekt zu agieren, um weitere Eskalation zu verhindern. In eine ähnliche Richtung geht die vor dem Fernseh-Inspekor Columbo bekannte emotionslose, ‘coole’ Fragetechnik, die nahezu ohne Modulation der Stimme und Veränderung der Mimik auskommt.

    Eine gute Portion Ruhe und Gelassenheit ist auch deshalb erforderlich, weil Hypies sich nicht verhalten, sondern ”ereignen”. Sie handeln spontan und ohne nachzudenken, sind immer für eine Überraschung gut. ”Diskutieren Sie nicht mit ihrem Kind, es hat immer das letzte Wort”, riet uns Frau Neuhaus. Mault oder motzt das Kind, soll man darauf nicht eingehen, sondern allenfalls ”mitbrummeln”. Bei Verweigerung nicht moralisieren, sondern ruhig und fest die Anweisung wiederholen. Agiert das Kind auf hohem Erregungsniveau, ist es für uns nicht erreichbar. Dann ist es besser, eine Pause zu machen und das Kind zum Beispiel auf sein Zimmer zu schicken.

    Überlassen Sie das Predigen dem Pfarrer: Predigten und Appelle nützen generell gar nichts. Wenn wir dem Kind oder Jugendlichen etwas wichtiges mitteilen wollen, z.B. über die Gefahren des ungeschützten Sexualverkehrs, wird es das eher aufnehmen, wenn es zufällig als Außenstehender die Unterhaltung von Erwachsenen zu diesem Thema mit anhört. Es ist natürlich nicht verboten, dieses Stilmittel auch bewußt anzuwenden, allerdings sollte man sich davor hüten, anschließend das Kind zu fragen, ob es auch alles mitbekommen hat, wenn man den Erfolg der Maßnahme nicht gefährden will.

    Ganz wichtig ist, den Kindern warme Empathie entgegenzubringen, ihnen zu vermitteln, daß es mit all seinen Schwächen trotzdem geliebt wird und sich auf seine Eltern verlassen kann. Wir müssen die spezifischen Eigenheiten der Kinder akzeptieren lernen. Dazu gehören z.B. Schmusen nur, wenn sie wollen; ausgeprägter Gerechtigkeitssinn; das schlechte Schriftbild; der ausgeprägte Gerechtigkeitssinn; die deutliche seelische Entwicklungsverzögerung; nicht-auskommen-können mit Gleichaltrigen; Stimmungslabilität; Kritikempfindlichkeit und eine reduzierte Schlafdauer.

    Eltern sollten nicht kleinlich sein , nicht an Kleinigkeiten herummäkeln, klar und echt sein. Petzen nicht zulassen, es fördert Streit und ein schlechtes Familienklima. Wer nicht dabei war, kann schlecht urteilen. Hypies fühlen sich dann schnell ungerecht behandelt und sinnen auf Rache, was die nächsten Konflikte garantiert.

    Die Kinder mit Liebe zu akzeptieren steht nicht im Widerspruch zu Konsequenz und Konsistenz, die ganz wichtig sind, um ihnen Orientierung zu geben. Unser Verhalten als Eltern muß für die Kinder einschätzbar sein. Hypies sind von Natur aus hochbegabt im Ausbüchsen und Herummogeln. Kontrolle ist bekanntlich besser, denn ausgeführt wird im Zweifel nur das, was auch kontrolliert wird. Es sollten deshalb nur solche Anforderungen mit Konsequenzen belegt werden, die auch kontrollierbar sind und nur solche Konsequenzen angekündigt werden, die danach auch eingefordert werden.

    ADHS-Kinder haben Schwierigkeiten sich zu organisieren und orientieren und brauchen deshalb viel Struktur, insbesondere strukturierte Abläufe, z.B. gleichbleibende Zeiten für Mahlzeiten, wecken, schlafen gehen, Hausaufgaben usw.. Der Ranzen sollte abends schon gepackt sein und die Wäsche für den nächsten Tag bereit liegen, um den Start in den Tag zu erleichtern. Wochenpläne mit eingetragenen Aktivitäten und Verpflichtungen geben Orientierung. Punktwertungen für erledigte Aufgaben und damit verbundene Belohnungen können die Kinder motivieren.

    Eltern können ihrem Kind zeigen, wie man beim Ranzen packen vorgehen sollte, wie man beim Zimmer aufräumen strategisch agieren kann und wie man eine ‘große’ Hausaufgabe beginnen kann. Schwieriger ist es, abwarten und verlieren können zu trainieren.

    Bei diesen Kindern sollte nicht nur das positive Ergebnis gelobt werden, sondern auch die Anstrengungsbereitschaft. Bei einer ‘versiebten’ Klassenarbeit ist vielleicht trotzdem vorher viel gelernt worden. Lob stärkt das Selbstvertrauen, das aufgrund einer Serie von Mißerfolgen oft angekratzt ist. Zu überschwengliches Lob ist dagegen zu vermeiden, weil den Kindern eine realistische Selbsteinschätzung ohnehin schwer fällt.

    Veränderungen müssen stets rechtzeitig angekündigt werden, Hypies brauchen Zeit um sich darauf einzustellen und reagieren extrem verstimmt auf plötzliche Änderungen.

    Auch die Schule sollte durch Information seitens der Eltern einbezogen werden. Es beginnt bei der Sitzposition: Nach Möglichkeit vorne, in der Nähe des Lehrers, alleine oder neben einem ruhigen Mitschüler und nicht am Fenster. Nur das für die aktuelle Stunde benötigte darf jeweils auf dem Tisch liegen. Der Lehrer kann dem Kind Hinweise geben, wenn es wegdriftet, er kann Zeitablaufhinweise geben, er kann checken, ob die Aufgabenstellung richtig verstanden wurde und vieles mehr. Ein informierter Lehrer weiß sich auch bei impulsiven Ausbrüchen des ADHS-Kindes besser zu helfen, er nimmt sie nicht persönlich, vermeidet Auseinandersetzungen bei hohem Erregungsniveau usw.

    Es ist durchaus nicht untypisch, wenn Kinder, die weder informiert noch behandelt werden, angesichts ihrer vielen Mißerfolge zu dem Schluß kommen, sie seien faul, dumm oder verrückt , wie es im Buchtitel der amerikanischen Autorinnen Kelly und Ramundo heißt. Das Kind sollte daher je nach Alter angemessen über das Krankheitsbild informiert sein. Es hilft ihm, wenn es weiß, daß es spezifische Probleme zum Beispiel bei der Konzentration hat, gegen die es sogar das eine oder andere Mittel gibt.

    Information ist auch bei der Anwendung des Medikaments wichtig, an dessen Einnahme vielfach die Eltern erinnern müssen, weil das Kind selbst nicht daran denken kann. Vor allem in der Pubertät kann es vorkommen, daß Jugendliche das Medikament sogar ablehnen. Hier kann es hilfreich sein, dem Jugendlichen genau die Wirkungsweise und Vorteile des Medikaments zu erklären. Frau Neuhaus kann zu diesem Thema spezielle Bücher nennen, die sich gezielt an Jugendliche wenden.
                                                 
    Buchtip: Wenn ich doch nur aufmerksam sein könnte !

    Eltern brauchen auch Durchhaltevermögen, denn mit eigenem Lernen aus Einsicht ist oft erst im Alter zwischen 18 und 24 Jahren zu rechnen. Bis es soweit ist, gibt es immer wieder Höhen und Tiefen, ein wellenförmiger Verlauf mit besseren und schlechteren Zeiten ist typisch für ADHS. Tip deshalb: Die guten Zeiten genießen (und die weniger guten durchbeißen, es kommen wieder bessere) !

    Die positiven Eigenschaften des ADHS-Kindes und einige prominente Beispiele

    Last but not least sollten wir nicht vergessen, daß ADHS-ler auch eine Menge positiver Eigenschaften haben wie

  • die spontane Hilfsbereitschaft und Fürsorglichkeit
  • die interessierte Offenheit
  • das zupackende Schaffen
  • die ausgeprägte Tier- und Naturliebe
  • der ausgeprägte Gerechtigkeitssinn
  • oft: besonderer Charme
  • die Fähigkeit, verzeihen zu können und nicht nachtragend zu sein
  • die Zähigkeit (Stehaufmännchen-Phänomen)
  • implizite Gedächtnisfunktionen mit der Fähigkeit, später rasch den
        Überblick zu haben und blitzschnell richtig reagieren zu können
  • häufig künstlerische oder andere besondere Begabungen
  • Im Rahmen eines sogenannten ressourcenorientierten Ansatzes gilt es, die individuellen Leistungsinseln der Kompetenz eines Kindes herauszufinden und zu verstärken. Das ist nicht nur zur gezielten Förderung der Kinder wichtig, sondern vor allem auch, um ihr häufig angekratztes Selbstvertrauen wieder aufzubauen.

    Haben ADHS-Kinder die Schulzeit erst hinter sich gelassen, gelingt es vielen von ihnen, sich besser nach ihren individuellen Neigungen zu verwirklichen. Da sie in der Regel ehrgeizig sind, bringen sie es dann nicht selten zu großen Leistungen.

    Von vielen berühmte Persönlichkeiten vermutet man oder weiß sogar, daß sie ADHS-ler sind, unter ihnen Einstein, Roosevelt, Dustin Hoffmann, Jack Nicholsen und viele andere.

    Es ist kein leichter Weg, der vor uns Eltern liegt, aber ein aussichtsreicher.

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