AD/HS ‘99 SalzburgBericht über die interdisziplinäre Konferenz des Instituts für Heilpädagogik vom 13. - 15. Mai 1999 in Salzburg Von Christoph Dietz
(Rechts: Das liebevoll gestaltete
Maskottchen der Salzburger Konferenz)
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Dr. Christian Gross vom Institut für Heilpädagogik des österreichischen
Bundeslandes Salzburg hatte zu einer interdisziplinären Konferenz mit dem Titel “AD/HS ‘99 Salzburg” dorthin eingeladen (AD/HS bzw. im folgenden ADHS benannt = Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung).Unter dem Motto “... was für ein Leben mit dem Zappel Philipp ...!?” stellte er im Programmheft fest, daß das Leben mit ADHS-Betroffenen aufreibend und
anstrengend sein kann, daß sie aber gleich zeitig mit ihrer Kreativität, Sensibilität, Wagemut und vielen anderen positiven und liebenswerten Eigenschaften auch unseren Alltag bereichern können, daß sie eben nicht
faul, böse und schlecht erzogen sind, wie man früher glaubte, sondern an einer spezifischen Störung leiden, über die in Salzburg gesprochen werden sollte. Interdisziplinär, d.h. unter Wissenschaftlern,
Pädagogen, Betroffenen und ihren Eltern sollte der gegenwärtige Stand der Erkenntnis hinsichtlich Symptomen, Ursachen, Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten beleuchtet werden.
Hochkarätig und international besetzt war die Liste der Referenten, an alles war gedacht worden, auch eine Simultanübersetzung fehlte nicht. Wegen der Vielzahl der Referenten und der Fülle des behandelten
Stoffes kann im folgenden nur ein Überblick gegeben werden. Prof. Dr. Fritz Poustka, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik der Universität Frankfurt/M. und dem
Thema ADHS seit mehr als 25 Jahren wissenschaftlich verbunden, eröffnete den Reigen der Fachvorträge, indem er einen sehr guten Überblick über unterschiedliche Erscheinungsformen des
Krankheitsbildes, Diagnosekriterien und Behandlungsmöglichkeiten gab. Nach den in Deutschland i.d.R. verwendeten Diagnosekriterien der ICD 10 (International Classification of Deseases) der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden die ‘einfache’ Störung von Aktivität und Aufmerksamkeit (F90.0) und die hyperkinetische Störung mit Störung des Sozialverhaltens (F90.1) unterschieden.
Kennzeichnend sind jeweils über das normale Maß hinausgehende Unaufmerksamkeit / Konzentrationsstörung, motorische Unruhe und Impulsivität. ADHS’ler haben Probleme beim Zuhören, sie können längeren
Arbeitsanweisungen nicht folgen, sich nicht organisieren. Sie sind leicht ablenkbar, begehen Sorgfaltsfehler und verlieren häufig Dinge. Die Überaktivität verliert sich meist im Jugendalter, die Impulsivität bleibt
aber häufig erhalten. Wichtig für die Diagnosestellung ist, daß die spezifischen Verhaltensausprägungen in unterschiedlichen Bereichen beobachtbar
sind, insbesondere in der Schule, im Elternhaus und während der Testungen. Auch bei betroffenen Erwachsenen ist es so, daß sie ihr eigenes Verhalten nicht korrekt beurteilen können, weil die Fähigkeit
zur Selbstbeobachtung und Selbsteinschätzung mangelhaft ist. Mittel der Diagnose sind insbesondere Befragung durch Interview und Fragebögen bei unterschiedlichen Bezugspersonen und psychologische Testungen.
Häufige Begleitstörungen (Comorbiditäten) von ADHS sind eine Störung des Sozialverhaltens, insbesondere wenn die Diagnose erst in der Pubertät oder danach gestellt wird (40-90 % der Betroffenen),
Angststörungen (25 %), Lern- und Teilleistungsstörungen, z.B. Legasthenie oder Dyskalkulie (20 %) und affektive Störungen (15 - 20 %). Die Wirkung von Stimulanzien bei der medikamentösen Behandlung ist
unmittelbar für die Aufmerksamkeitsstörung gegeben, in der Folge meist aber auch für weitere Bereiche wie schulische Probleme und dissoziales oder aggressives Verhalten, nicht jedoch auf
Angststörungen. Die Medikamentengabe sollte auch im Jugendalter fortgesetzt werden. Bezogen auf das Lebensalter der Patienten wird bei Kindern vor allem
Methylphenidat (Ritalin) eingesetzt, D-Amphetamin bei Kindern und Jugendlichen. Gute Erfahrungen hat man in Frankfurt auch mit Fenetyllin (Captagon) gemacht, das bei Kindern, Jugendlichen und
Erwachsenen eingesetzt werden kann, international aber weniger verbreitet ist, weil es in Amerika nicht zugelassen ist. Bei Jugendlichen und Erwachsenen ist Pemolin (Hyperilex) einsetzbar, allerdings ist
speziell bei diesem Medikament eine engere Kontrolle der Leberwerte erforderlich. Auch Prof. Thomas E. Brown, aus Yale (USA) begann seinen sehr
engagierten und kurzweiligen Vortrag mit einem Blick auf die Diagnosekriterien und bezog sich dabei auf den amerikanischen Standard DSM IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental
Disorders der American Psychiatriac Association), wonach drei Grundtypen unterschieden werden: 1. Aufmerksamkeitsstörung ist vorrangig; 2. Hyperaktivität und Impulsivität ist vorrangig;
3. Mischtyp, mit sowohl Aufmerksamkeitsstörung als auch Hyperaktivität und Impulsivität. ADHS kommt mit einer Häufigkeit von 6 - 8 % bei Kindern und 3 - 4 %
bei Erwachsenen vor. Es ist in allen gesellschaftlichen Schichten und bei Menschen mit unterschiedlicher Intelligenz zu finden. Familiäre Häufungen und Zwillingsstudien weisen auf die Erblichkeit hin.
Brown betonte daß ADHS nicht einen eindeutig definierten Zustand beschreibt (schwanger oder nicht schwanger), sondern eine dimensionale Störung, deren einzelne Symptome von Patient zu
Patient unterschiedlich stark ausgeprägt sein können. Eine Art ADHS-spezifischer ‘Aufmerksamkeits-Impotenz’ sieht Brown, wenn ein Kind sich im schulischen Alltag trotz bestem Willen nicht
konzentrieren kann, dasselbe Kind aber bei einer Aufgabe oder Tätigkeit, die es interessiert, voll konzentriert bei der Sache ist. Auch für die Auswirkungen des bei ADHS’lern beeinträchtigten Arbeits-
und Kurzzeitgedächtnisses fand Brown einen bildlichen Vergleich, nämlich den eines Orchesters, bei dem zwar jeder Musiker sein Instrument hervorragend beherrscht, das aber dennoch keine gute
Musik spielen kann, wenn der Dirigent, also die Steuerzentrale versagt. Folge des zu kleinen ‘Arbeisspeichers’ sind auch vergessene Fragen
oder Antworten und Worte die plötzlich entfallen, aber später wieder verfügbar sind. Weitere Probleme sind, nicht mit Arbeiten beginnen zu können, vor allem wenn man alleine ist, dann die Aufmerksamkeit nicht
lange genug auf etwas richten zu können, Arbeiten erst unter Termindruck fertigzustellen und Termine nicht einzuhalten. Die Wirksamkeit von Stimulanzien ist bei Ritalin in über 130 Studien
erforscht worden, bei Amphetamin sind es 23, bei Pemolin 6. Prof. Dr. Peter Hill aus London berichtete über ausführliche differentialdiagnostische Verfahren in England, die aber wegen ihres
zeitlichen Aufwandes von sieben Stunden nicht immer vollständig durchgeführt werden, weil die Kostensätze des englischen Gesundheitswesens dies nicht abdecken. Als ergänzende Hinweise für die Diagnose nannte Hill:
- geringes Selbstbewußtsein; - gestörte Beziehungen zu anderen; - erschöpfte Eltern; - schlechte Eltern-Kind-Beziehungen; - Hinweise auf eine erbliche Veranlagung aus der Familiengeschichte heraus;Wichtig sind auch Informationen aus der Schule und geeignete
Maßnahmen in der Schule. Ein Dilemma besteht darin, daß ADHS-Betroffene sich aufgrund ihrer Störung eine Umgebung schaffen, die für sie nicht förderlich ist: Durch
ihr Verhalten bewirken sie, daß das Umfeld ungeduldig und hilflos bis ärgerlich auf sie reagiert, was bei ihnen wiederum zu negativen Reaktionen führt. Was sie dagegen brauchen ist Geduld und Hilfe
dabei, eine positive Verhaltensänderung herbeizuführen. Die Aufklärung und Qualifizierung des Umfeldes, besonders der Eltern, ist deshalb neben der Behandlung des Betroffenen ein wichtiger Punkt.
Prof. Dr. Götz-Erik Trott aus Aschaffenburg berichtete über biologische Hintergründe und medikamentöse Therapien. Obwohl bereits 1937 von Charles Bradley in den USA die positive Wirkung von
Stimulanzien bei der Behandlung von ADHS entdeckt wurde, war es von dort bis zum heutigen Kenntnisstand noch ein weiter Weg. Als nicht zielführend erwies sich der neuroimmunologische Ansatz, der
zu verschiedenen Diäten führte, u.a. Feingold in den USA 1975 (Salicylate), Crook 1975 (Zucker), Hafer in Deutschland 1978 (Phosphate) bis hin zu Egger in München 1985 (individuelle
Eliminationsdiät), dessen Ergebnisse anderenorts aber nicht bestätigt werden konnten. Wegen der hohen Be- lastung für Eltern und Kind hält Trott Diäten nicht für praktikabel.
Intoxikationen durch Blei konnten bei hohen Dosierungen als Ursache von ADHS nachgewiesen werden. Neuroanatomische Überlegungen sind in der Forschung von
geringerem Belang als neurophysiologische. Die Untersuchung biologischer Ursachen richtet sich vor allem auf den Neurotransmitterhaushalt und andere neurologische Faktoren. Aktuell
sind vor allem genetische Einflüsse von Interesse, die mit Sicherheit eine bedeutende Rolle spielen und neben der direkten Erforschung genetischer Grundlagen vor allem auf Adoptions- und Zwillingsstudien
basieren. Dennoch sei dies alles bisher nicht mehr als ein Blick durchs Schlüsselloch.Einflüsse während der Schwangerschaft, z.B. Nikotinkonsum der
Mutter wurden z.T. genannt, wobei die Frage ist, ob dies nicht eher auf eine vererbte ADHS hinweist und es die Mutter wegen ihrer eigenen ADHS nicht schaffte, während der Schwangerschaft mit dem Rauchen aufzuhören. Trott wies darauf hin, daß Stimulanzien seit über 60 Jahren mit Erfolg zur ADHS-Behandlung eingesetzt werden. Neben der Verbesserung der Aufmerksamkeit als unmittelbare Wirkung verbessern sich als Folge
meist auch Begleitsymptome. Die positiven Langzeitfolgen einer medikamentösen Behandlung sind durch
Studien belegt. Behandelte Patienten haben ein besseres Selbstbewußtsein, weniger Unfälle, erzielen höhere Schulabschlüsse und werden seltener delinquent.Unter der Überschrift Pädagogische und psychologische
Therapieprogramme: Eine Alternative zur medizinischen Therapie ? stellte anschließend Dr. Manfred Döpfner, Leiter der kinder- und jugendpsychiatrischen Abteilung der Uniklinik Köln sein Programm
THOP vor, über das in Was nun ?, Ausgabe 1999, S. 72 ff * bereits ausführlich berichtet wurde, so daß im folgenden nicht mehr näher darauf einzugehen ist. Allen betroffenen Kindern wäre zu wünschen,
daß sie in den Genuß dieses Programmes kommen, wenngleich es leider wenig realistisch wäre anzunehmen, daß dies geschieht.
*Mitgliederzeitschrift des Bundesverbandes
Aufmerksamkeitsstörung/Hyperaktivität, Forchheim.
Besonders beeindruckend fand ich den Teufelskreis negativer Interak- tionen, wie er in Was nun ?
auf Seite 79 abgebildet ist. Werden Auffor- derungen der Eltern von den Kindern wiederholt und trotz Drohung nicht befolgt, löst dies bei den Eltern häufig entweder Nachgeben oder
Rat- losigkeit und Aggressivität aus, in beiden Fällen mit negativen Folgen für die Entwicklung der Kinder und die Eltern-Kind-Beziehung.Deutlich äußerte sich Döpfner zu den Ursachen von ADHS und der
heutigen Position der Psychologie in dieser Frage: “Kein vernünftiger Psychologe würde heute die biologischen Ursachen der Störung in Frage stellen.”
Seine eingangs gestellte Frage beantwortete Döpfner schließlich mit einem Therapievergleich, der ergeben hat, daß - in den kurzzeitigen Wirkungen die medikamentöse Therapie der Verhaltenstherapie überlegen ist; - eine um Verhaltenstherapie ergänzte medikamentöse Therapie in der Kurzzeitwirkung einer rein medikamentösen Therapie überlegen
sein kann, aber nicht muß; - bei den längerfristigen
Wirkungen eine um Verhaltenstherapie ergänzte medikamentöse Therapie einer rein medikamentösen Therapie überlegen ist.Die Frage sollte also nicht lauten Medikament oder
Verhaltenstherapie sondern Medikament und Verhaltenstherapie. Dr. Jan Frölich, ebenfalls von der kinder- und jugendpsychiatrischen
Abteilung der Uniklinik Köln hatte für seinen Vortrag das Schwerpunktthema Schule gewählt. Er betonte die leider begrenzten Möglichkeiten zur Einführung
pädagogisch-therapeutischer Maßnahmen im Unterricht und nannte als Ursachen auf der Seite der Schule dafür - didaktische Zwänge; - Vorbehalte;
- fehlende Kenntnisse aufgrund von -
fehlender Ausbildung; - falschen Informationen; - fehlendem Kontakt zu Experten; - geringe Akzeptanz der Medikation
(verbessert bei gleichzeitiger Therapie).Frölich betonte die Bedeutung von Informationen aus der Schule für die Diagnostik.
70 - 90 % der betroffenen Kinder reagierten positiv auf Stimulanzien. Ganz wichtig sei dabei eine optimale Titration (Einstellung auf die individuell richtig Dosis).
Einem separaten Bericht ist der brillante Vortrag von Frau Dr. Henrikje Klasen aus London vorbehalten. Bericht lesen
Dr. Wolfgang Kaschnitz, Leiter der Ambulanz für lebhafte und hyperaktive Kinder der kinder- und jugendpsychologischen Abteilung
der Uniklinik Graz beschäftigte sich mit der Messung der Wirksamkeit medikamentöser Behandlung. Dazu gibt es verschiedene Meßverfahren: - CPT (Continuous Performance Test) ist ein Verfahren bei dem die Reaktionfähigkeit auf einen am Computerbildschirm angezeigten Reiz
getestet wird. Dabei kommt es darauf an, ob reagiert wurde und ob die richtige Reaktion gezeigt wurde. Auch Reaktionszeit und Schwankungsbreite werden erfaßt. -
Rating Scales bezeichnen Fragebögen für Fremdeinschätzung durch Eltern und Lehrer, z.B. von Conners, Brown u.a. - Bei der Aktometrie wird ein “Aktometer” genanntes Erfassungsgerät
zur Erfassung von Bewegungen und deren Intensität vom Patienten am Handgelenk getragen und die Bewegungsabfolge danach mit Hilfe eines Computers ausgewertet.
Es wurden Doppelblindtests mit Ritalin und Placebo über je drei Wochen hinweg durchgeführt, bei denen die Wirksamkeit des Medikaments nachgewiesen werden konnte. Auch zur Ermittlung der
richtigen Dosierung des Medikaments können die Testverfahren erfolgreich eingesetzt werden. Dr. Ekkehart D. Englert ist Oberarzt an der Kinder- und
Jugendpsychiatrischen Klinik der Universität Frankfurt/M. Er berichtete über erste Ergebnisse einer Studie, die von der Frankfurter Uniklinik gemeinsam mit der Charité in Berlin durchgeführt wird. Es geht dabei
um die Frage, welchen Einfluß die Stimulanziengabe bei Patienten im Kindes- und Jugendalter auf deren spätere Disposition für Drogenkonsum hat. Untersucht wurden auch andere Einflußfaktoren
wie Schweregrad der Störung oder zusätzliche Störung des Sozialverhaltens. Anhand früherer Patientenakten erfolgte die Kontaktaufnahme mit den Betroffenen. Zur Datenerhebung wurden Interviews,
Fragebogenverfahren und Urinuntersuchungen verwendet. Es konnte schließlich eindeutig gezeigt werden, daß die Stimulanziengabe einen protektiven Effekt auf späteres Suchtverhalten hat, d. h. sie
vermindert das Suchtrisiko. Englert wies darauf hin, daß vergleichbare Ergebnisse auch in früheren Studien zu dieser Fragestellung gefunden wurden. Dipl. Psych. / Dipl. Heilpäd. Cordula Neuhaus
arbeitet seit vielen Jahren in freier Praxis in Esslingen. Ihr hervorragender Vortrag mit dem Thema “Was wirkt wirklich?” wurde mit großer Begeisterung und nicht enden wollendem Applaus aufgenommen. Hochkonzentriert,
vollgepackt mit Informationen und wertvollen Tips aus der Praxis und dennoch kurzweilig, verstand sie es wieder einmal die Aufmerksamkeit ihres Publikums zu 100 % sicherzustellen.
Wegen der Wiedergabe eines sehr umfassenden früheren Vortrages von Frau Neuhaus zu diesem Thema, soll auf Details hier nicht eingegangen werden. Im folgenden dennoch einige Schlaglichter auf zentrale Aspekte.
Bericht lesen
Normale Selbstregulation, das Übertragen von Erfahrungen auf künftige Situationen und eine dementsprechende Steuerung des Verhaltens, funktioniert bei ADHS-Kindern nicht, weil der
Arbeitsspeicher und damit das Zeitfenster zu klein ist. Rückbetrachtung und Vorausschau gelingen nicht, sie leben nur im Hier und Jetzt und das bedeutet leben in der Krise.
Ein-, Über-, Rück- und Nachsicht entwickeln sich erst sehr spät, i.d.R. nicht vor dem 18. - 24. Lebensjahr, bis dahin ist ihre Perspektive eine egozentrische.
Zur Verautomatisierung von Regeln und regelhaften Abläufen benötigen diese Kinder 8 - 16 mal mehr Wiederholungen als Gleichaltrige und brauchen dazu sehr starke Hinweisreize. ‘Auflaufen
lassen’ - das Lernen aus mitunter drastischen Konsequenzen - funktioniert nicht, Selbständigkeit darf nicht zu früh eingefordert werden, der Übergang von Fremdsteuerung zu Eigensteuerung kann
erst spät erfolgen. Eine deutliche seelische Reifeverzögerung (etwa 30 %) ist abseits von ICD 10 und DSM IV ein wichtiges diagnostisches Kriterium, das auch von Barkley beschrieben wurde.
Barkley zitierte Neuhaus auch in Bezug auf Behandlungsgrundsätze: Aufklärung - Erklärung - Medikation - Verhaltensmanagement - Skill-Training.
Weitere Voraussetzungen für den Behandlungserfolg sind: -
das Erkennen der Leistungsinseln der Kompetenz des Kindes und entsprechende Verstärkung; -
Coaching, möglichst nicht durch die Eltern, sondern durch externe Personen, bei Schularbeiten z.B. ein Nachhilfelehrer; - Toleranz, Akzeptanz der Eigenheiten; -
maximale Elterncompliance (Mitarbeit, getragen vom Verständnis der Problematik); -
maximale Einschätzbarkeit, Konsequenz, Konsistenz und Kontinuität, klare Regeln, deutliche Strukturen.Schließlich müßten auch die Eltern ebenso wie die Kinder, die sich bei
allen Schwierigkeiten, die sie haben, nicht unterkriegen lassen, die Qualität von Stehaufmännchen haben, getreu dem Motto “Freue dich und lächle, denn es könnte schlimmer kommen - und ich freute mich
und lächelte - und es kam schlimmer.” Dies gilt vor allem für die pubertäre Phase, in der die Jugendlichen oft für ein oder zwei Jahre gar nicht erreichbar sind. Prof. Dr. Peter J. Scheer
, Leiter der psychosomatischen und psychotherapeutischen Abteilung der Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde der Universität Graz hatte für seinen Vortrag die
Überschrift “Zappelnd in der Oper” gewählt. Anders als erwartet, meinte er damit nicht etwa das evt. problematische Verhalten von ADHS-Kindern in den Stuhlreihen öffentlicher Veranstaltungsorte,
sondern zeigte anhand von Videosequenzen ADHS-geprägtes Verhalten von Darstellern auf der Bühne wie es in Literatur und Kunst beschrieben worden ist. Mozarts und Rossinis Figaro waren da unter anderem zu sehen. Scheer setzte sich für die Förderung der Kinder ein, damit sie mutig einen Platz im Leben finden, die Erhaltung des Selbstwertgefühls sieht
er als wichtigstes Ziel, die Kinder müßten lernen an sich zu glauben. Mit zum Teil autobiographischen Anklängen meinte er, daß im Leben nicht unbedingt versagen müsse, wer in der Schule versagt habe.
Scheer schloß mit der These, daß in der heutigen Zeit vielleicht nur noch Erwachsene mit ADHS mutig genug seien, Kinder in die Welt zu setzen, was aufgrund des erblichen Faktors dann gleichzeitig auch eine
Zunahme von ADHS bedeuten würde. Prof. Dr. Max H. Friedrich, Ordinarius an der Klinik für Neuropsychiatrie des Kinder- und Jugendalters der Universität Wien
sprach sich auch vor dem Hintergrund entsprechender WHO-Leitlinien, die den Einsatz von Stimulanzien zur ADHS-Behandlung in Österreich erst seit etwa zwei Jahren zulassen, für einen eher vorsichtigen
Umgang mit der Medikation aus und kritisierte die Zunahme der Stimulanziengabe in den USA. Alternative Behandlungsverfahren wie Homöopathie, Akupunktur oder
Diät betrachtet Friedrich als unwirksam. Er findet es nicht gut, wenn Diagnosen von Eltern und Lehrern gestellt werden, möchte diese Gruppen aber in den Behandlungsprozeß einbeziehen.
Friedrich fordert eine konsequente Erziehung, die nicht im alten wilhelminischen Sinne autoritär sein sollte, sondern bei der Autorität gelebt und die Würde des anderen geachtet wird.
Die Plenarvorträge wurden ergänzt durch parallel stattfindende Themen- Seminare, die ebenfalls hochinteressante Inhalte boten und unter kompetenter Leitung standen, so daß die Entscheidung zwischen
Seminar und Plenarvortrag oft nicht leicht fiel. Den Abschluß bildete eine Podiumsdiskussion, in deren Anschluß ein Vertreter der neu gegründeten österreichischen
ADHS-Elternselbsthilfeorganisation ADAPT Herrn Dr. Gross stellvertretend für ADAPT und den BVdE mit einem Blumengruß für die Veranstaltung dankte.
Auf der parallel am Veranstaltungsort stattfindenden Fachausstellung war der BVdE mit einem Messestand vertreten, der sich regen Zulaufs erfreute. Frau Irene Braun veranstaltete außerdem ein
Nachmittagsseminar zum Thema schulische Förderung von ADHS-Kindern. Anhand einer Videopräsentation wurde ein Projekt vorgestellt, daß der BVdE vor vier Jahren in Zusammenarbeit mit dem
bayerischen Kultusministerium begonnen hat und das mit einer ergänzenden Buchveröffentlichung jetzt vor dem Abschluß steht. Aus ihrer profunden Kenntnis der Störung als Vorsitztende des BVdE
und auch aus eigener langjähriger Praxis als Lehrerin konnte sie den Teilnehmern manchen nützlichen Tip für den schulischen Alltag vermitteln wie z.B. gezielte Ansprache, Blickkontakt, kurze klar
formulierte Einzelanweisungen, klarer Normen- und Sanktionskatalog, Lob auch für Teilfortschritte, Akzeptanz und positive Kanalisierung von Kreativität und Phantasie. Ein maßgeblicher Anreiz für Lehrer, sich mit
diesem Thema auseinanderzusetzen, bestehe letztlich auch darin, daß neben den Schülern auch sie selbst davon profitieren, wenn sie mehr Kompetenz im Umgang mit ADHS-Kindern gewinnen.
In einem weiteren Seminar berichtete Frau Braun über die Arbeit von Selbsthilfegruppen. Plenarvorträge, Seminare, Fachausstellung - ein volles Programm und
doch noch nicht alles: Ergänzt wurde das ganze durch reichlich Kultur. Eine Vernissage schöner Gemälde und eine beeindruckende Märcheninter- pretation des Aschenputtelmärchens von Dr. Eugen
Drewermann mit fun- dierten psychologischen Deutungen wurde geboten. Darüberhinaus heitere Darbietungen des Straßentheaters Irrwisch, die auch im Abendprogramm vertreten waren, das ebenfalls
hervorragendes zu bieten hatte. Geigensoli auf höchstem Niveau wurden von Benjamin Schmid dargeboten, der auch am folgenden Abend unter dem Titel Literatur und Jazz mit seinem Beni Schmid Trio
wieder dabei war, ergänzt um die Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger, die die Zuhörer mit Lesungen aus ihren Werken in den Bann schlug. Weit weit mehr also, als man erwarten konnte, sogar ein festliches
Buffet gab es, bei dem es den offenbar mehrheitlich ADHS-berührten Gästen allerdings nicht gelingen wollte, der Bitte Folge zu leisten, das Buffet erst nach einem Signal des Küchenchefs zu stürmen. Vielleicht
waren es aber auch einfach zu viele, rund 700 Menschen waren der Einladung von Dr. Gross nach Salzburg gefolgt. Als wir am Samstag nachmittag schließlich den Heimweg nach
Frankfurt antraten, waren unsere Erwartungen bei weitem übertroffen worden, es war alles in allem eine Veranstaltung, bei der kein Wunsch offen blieb. Dr. Gross (und seinen Helfern) sei Dank ! Dieser Artikel ist erschienen im Jahrbuch 1999 des Bundesverbands Aufmerksamkeitsstörung/Hyperaktivität, Forchheim. zurück zum Seitenanfang
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